Erinnerung übersetzen – Familiengeschichten zwischen Schweigen, Archiv und Sprache
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Familiengeschichten bestehen nicht allein aus dem, was erinnert und weitererzählt wird. Sie sind ebenso geprägt von Leerstellen und Verschweigen, von Dokumenten und institutionellen Archiven, in denen individuelle Lebensgeschichten häufig nur fragmentarisch überliefert sind. Erinnerung entsteht deshalb immer auch durch Prozesse der Rekonstruktion und Übersetzung. Ausgehend von Adèle Yons "Mon vrai nom est Élisabeth" und seiner deutschen Übersetzung durch Sula Textor fragt das Gespräch danach, wie insbesondere weibliche Lebensgeschichten zwischen familiärem Gedächtnis, institutioneller Überlieferung und literarischem Erzählen rekonstruiert werden können. Was lässt sich über ein Leben erzählen, wenn die eigene Stimme kaum überliefert ist? Welche Spuren bewahren psychiatrische, medizinische oder administrative Archive – und durch wessen Blick sind diese Quellen geprägt? Wie können Erfahrungen sichtbar werden, die lange marginalisiert, pathologisiert oder zum Schweigen gebracht wurden? Zugleich richtet sich der Blick auf die unterschiedlichen Formen der Übertragung, die einer solchen Geschichte zugrunde liegen: von der familiären Erinnerung und den Spuren im Archiv zur literarischen Erzählung, vom historischen Dokument zur gegenwärtigen Deutung und schließlich von einer Sprache und einem kulturellen Kontext in einen anderen. „Übersetzen“ wird damit in einem erweiterten Sinne verstanden: als Bewegung zwischen Generationen und historischen Kontexten, zwischen Dokument und Erzählung, privater und öffentlicher Erinnerung – und zwischen dem Französischen und dem Deutschen.
Im Gepräch:
- Sula Textor (Literaturübersetzerin der deutschen Ausgabe von Adèle Yons "Mon vrai nom est Élisabeth")
- Patrick Farges (Université Paris Cité, Spezialist für Geschlechtergeschichte und Erinnerungspraktiken)
Moderation: Bettina Sund
Reihe: Penser en langues – In Sprachen denken
In Kooperation mit: Institut franco-allemand de sciences historiques et sociales (IFRA/SHS) - Institut français Frankfurt / Goldschmidt+ / Frankfurter Buchmesse

