Deutschland
Der Gans Verlag steht für Bücher, die Literatur, Geschichte und gesellschaftliche Gegenwart miteinander ins Gespräch bringen. Seit seiner Gründung im Jahr 2016 hat der unabhängige Berliner Verlag ein bewusst breit angelegtes Programm entwickelt: Es umfasst Romane und Erzählungen, Lyrik und Essays ebenso wie historische Kinderbücher jüdisch-deutschsprachiger Autorinnen und Autoren, Jüdische Studien sowie wirtschaftsrechtliche Lehr- und Fachbücher. In den vergangenen Jahren ist insbesondere das literarische Programm stetig gewachsen. Seit 2022 wurde die zeitgenössische Belletristik weiter ausgebaut, Lyrik ist inzwischen ein fester Bestandteil des Verlagsprofils.
Mit dem Herbstprogramm 2026 kommt nun eine neue Facette hinzu. Der traditionsreiche Frankfurter gutleut verlag wird nach dem unerwarteten Tod seines Gründers und Verlegers Michael Wagener im Oktober 2025 als Imprint des Gans Verlags weitergeführt. Unter dem Namen gutleut&gans erhält damit ein außergewöhnliches verlegerisches Programm eine neue Heimat. Der 2002 gegründete gutleut verlag hat sich mit anspruchsvoller Gegenwartslyrik, Übersetzungen, zeitgenössischer Kunst und einer besonders sorgfältigen Buchgestaltung einen Namen gemacht. Dass hier zwei Verlagsgeschichten zusammenfinden, wirkt deshalb weniger wie eine bloße organisatorische Lösung als wie eine programmatische Verbindung. Der Gans Verlag bringt sein gewachsenes literarisches Profil und seine Offenheit für unterschiedliche Wissens- und Erzählformen ein; gutleut steht für eine über viele Jahre entwickelte Verbindung von Sprache, Kunst und Buchgestaltung. Die Qualität beider Verlage wurde auch öffentlich gewürdigt: Sowohl der Gans Verlag als auch der gutleut verlag gehörten 2024 zu den ausgezeichneten Verlagen des Deutschen Verlagspreises. gutleut war zudem bereits 2020 mit dem Sonderpreis des Hessischen Verlagspreises geehrt worden. Die damalige Jury hob besonders die Verbindung von Lyrik und bildender Kunst sowie die außergewöhnliche Gestaltung der Bücher hervor. Für gutleut&gans übernehmen Yevgeniy Breyger und Alexander Kappe die programmatische Verantwortung; die Buchgestaltung liegt bei Angerona Ambrasaitė.
Seinen Namen verdankt der Verlag dem Juristen und Rechtsphilosophen Eduard Gans (1797–1839), einer ebenso bedeutenden wie lange unterschätzten Figur des intellektuellen Lebens im Berlin des frühen 19. Jahrhunderts. Gans gehörte zu den Mitbegründern des Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden. Eine akademische Laufbahn an der Berliner Universität wurde ihm jedoch zunächst aufgrund seiner jüdischen Herkunft verwehrt. Erst nach seiner Konversion zum Protestantismus wurde er 1826 Professor und 1832 Dekan der juristischen Fakultät. Als entschiedener Gegenspieler des konservativen Rechtsgelehrten Friedrich Carl von Savigny und als früher Vertreter einer vergleichenden Betrachtung unterschiedlicher Rechtssysteme gilt er heute als ein Begründer der vergleichenden Rechtswissenschaft. Bekannt wurde Gans zudem als Herausgeber von Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts und der Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Sein vierbändiges, zwischen 1824 und 1835 erschienenes Hauptwerk Das Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwicklung blieb unvollendet. (Gans Verlag)
Auch visuell ist diese Geschichte im Verlag präsent. Das Vorbild für die Gans der von Özgür Erkök-Moroder gestalteten Verlagsvignette findet sich auf den Grabsteinen von Vorfahren Eduard Gans’ auf dem jüdischen Friedhof in Celle. Darin steckt in konzentrierter Form etwas vom verlegerischen Selbstverständnis: historische Spuren aufnehmen, sie in die Gegenwart übersetzen und komplexe Gedanken nicht im Abstrakten belassen. Der Verlag selbst verweist darauf, dass Eduard Gans als Hochschullehrer komplexe Ideen am konkreten Zeitgeschehen lebendig werden ließ. Diesem Prinzip fühlt sich auch das Buchprogramm verpflichtet.